Tränen, Triumph und Teamgeist: Suhl siegt in Wiesbaden nach Schockmoment
Es war ein Abend, der alles bereithielt, was Spitzensport so unberechenbar macht: Spannung, Rückschläge, Tränen – und am Ende grenzenlosen Zusammenhalt. Der VfB Suhl Lotto Thüringen gewinnt beim VC Wiesbaden mit 3:0 (26:24, 25:19, 25:14) und sichert sich die nächsten drei Punkte. Doch dieses Ergebnis erzählt nur einen Teil der Geschichte.
Schon im ersten Satz war spürbar, dass es kein gewöhnliches Auswärtsspiel werden würde. Wiesbaden agierte mutig, setzte Suhl unter Druck und zwang die Gäste mehrfach in Rückstand. Mehrere Drei-Punkte-Defizite musste die Mannschaft von Cheftrainer Laszlo Hollosy aufholen
Die gewohnte Präzision im Stellungsspiel fehlte, im Block war die Durchschlagskraft nicht so dominant wie sonst. Und dennoch: Wenn es eng wird, scheint bei Suhl ein besonderer Mechanismus zu greifen.
Beim Stand von 24:23 hatte Wiesbaden Satzball. Die Halle stand. Doch genau in diesem Moment zeigte sich die mentale Widerstandskraft der Thüringerinnen. Mit kühlem Kopf, mutigem Aufschlagspiel und kompromissloser Entschlossenheit drehten sie den Satz. Aus einem drohenden Rückschlag wurde ein 26:24-Erfolg– erkämpft, erzwungen, erlitten.
Was dann folgte, ließ selbst erfahrene Beobachter sprachlos zurück.
Beim Zwischenstand von 12:12 im zweiten Durchgang sprang Mittelblockerin Alina Nasin zu einem Abwehrversuch. Die Landung missglückte, ihr Knie drehte sich unglücklich nach innen weg. Sekunden später lag sie am Boden. Stille. Unruhe. Tränen. Die 20-Jährige musste im Rollstuhl vom Feld gefahren werden – unter sichtbarer Betroffenheit ihrer Mitspielerinnen
Und das nur zwei Wochen vor dem Pokalfinale.
Als wäre die Situation nicht bereits belastend genug gewesen, musste auch ein Zuschauer auf der Tribüne medizinisch versorgt werden. Die Atmosphäre war angespannt, emotional aufgeladen. Volleyball trat in diesen Minuten in den Hintergrund.
Doch der Sport kennt keine Pause-Taste.
„Es ist immer wichtig, den Fokus auf dem Feld zu behalten“, sagte Laura Berger später. Worte, die leichter klingen als sie umzusetzen sind. Die Mannschaft musste sich sammeln – nicht nur taktisch, sondern vor allem mental. Der Schock saß tief. Gleichzeitig war klar: Aufgeben war keine Option.
Und genau hier zeigte sich die wahre Qualität dieses Teams.
Mackenzie Folley übernahm Verantwortung, punktete entschlossen und führte ihr Team durch diese schwierige Phase. Hannah Hartmann, eigentlich auf der Diagonalposition zuhause, wechselte in die Mitte und kompensierte damit den Ausfall von Nasin – zusätzlich zur weiterhin geschonten Kapitänin Roosa Laakkonen
Improvisation wurde zur Stärke, Flexibilität zur Lebensversicherung. Statt zu zerbrechen, wuchs Suhl über sich hinaus.
Mit jeder gelungenen Aktion wich die Lähmung aus den Köpfen. Der zweite Satz wurde zunehmend kontrolliert, die Körpersprache veränderte sich. Aus Unsicherheit wurde Entschlossenheit. Aus Betroffenheit Zusammenhalt. Der 25:19-Erfolg war mehr als nur ein Satzergebnis – er war ein emotionaler Befreiungsschlag.
Im dritten Durchgang ließ Suhl schließlich keinen Zweifel mehr aufkommen. Routiniert, fokussiert, nahezu abgeklärt spielten die Thüringerinnen ihren Stil durch und gewannen klar mit 25:14. Doch auch in dieser Phase lag über allem das Bewusstsein, dass dieser Abend Spuren hinterlassen hatte.
Trainer Laszlo Hollosy sprach später von mentaler Stärke und Charakter. Kapitänin Roosa Laakkonen widmete den Sieg der verletzten Teamkollegin. Diese Aussagen wirkten nicht wie routinierte Pflichtzitate – sie spiegelten wider, was auf dem Feld sichtbar war: Dieses Team spielt füreinander.
Vor 1.597 Zuschauern dauerte dieses Spiel 76 intensive Minuten, die sportlich erfolgreich endeten, emotional jedoch weit darüber hinausgingen. Der siebte Sieg in Folge festigt Tabellenplatz zwei – eine beeindruckende Serie. Doch dieser Erfolg wurde teuer erkauft.
Nun richtet sich der Blick nach vorn. Schon am kommenden Sonntag steht in Suhl die Generalprobe für das Pokalfinale an, wenn Stuttgart in der Wolfsgrube gastiert. Die Herausforderung wird nicht nur sportlicher Natur sein. Es wird darum gehen, die Ereignisse von Wiesbaden zu verarbeiten, den Fokus zu bewahren – und als Einheit weiterzugehen.
Dieser Abend hat gezeigt: Suhl kann kämpfen. Suhl kann leiden. Und Suhl kann über sich hinauswachsen. Doch vor allem hat er gezeigt, dass hinter Tabellenplätzen und Satzgewinnen Menschen stehen – mit Emotionen, mit Schmerz und mit einem außergewöhnlich großen Teamgeist.