Teamgeist, Trommeln, Tiebreak: Der VfB Suhl schreibt sein eigenes Volleyball-Märchen
Am Sonntagnachmittag um 16 Uhr wurde die ANTENNE Thüringen Volleyballarena „Wolfsgrube“ ihrem Ruf als Festung einmal mehr gerecht. Mehr als 1.800 Zuschauer verwandelten die Halle in ein emotionales Tollhaus, als der VfB Suhl LOTTO Thüringen im Bundesliga-Topspiel auf den bislang ungeschlagenen Tabellenführer Allianz MTV Stuttgart traf – sechs Tage vor dem gemeinsamen Wiedersehen im Pokalfinale.
Schon im Vorfeld war von einer Generalprobe die Rede. Doch was sich an diesem Nachmittag entwickelte, war weit mehr als ein Testlauf. Es war ein kraftvolles Signal. Ein 3:2 (25:16, 20:25, 21:25, 25:20, 15:7)-Triumph nach fast zwei Stunden Hochspannung – erkämpft, erspielt, erzwungen.
Von Beginn an war spürbar: Dieses Team wollte nicht nur mithalten – es wollte gewinnen. Mit beeindruckender Entschlossenheit legten die Suhlerinnen los, blockten kompromisslos, schmetterten mit Wucht, kämpften um jeden Ball, warfen sich in die Abwehr und pushten sich gegenseitig nach jeder gelungenen Aktion. Der erste Satz geriet zu einem Rausch – nicht nur sportlich, sondern emotional. Mit 25:16 ging er an die Gastgeberinnen. Ein Satzverlust in dieser Deutlichkeit ist für Stuttgart national eine Seltenheit – selbst Statistiker dürften lange suchen müssen, wann der Primus zuletzt so klar unter Druck geriet.
Doch ein Spitzenreiter reagiert. Auch im zweiten und dritten Satz hielt der VfB das Spiel bis zur jeweiligen Satzmitte offen. Lange Ballwechsel, intensive Rallyes, pure Energie auf beiden Seiten. Doch der Tabellenführer nutzte jeden kleinen Eigenfehler eiskalt aus und zeigte seine Klasse. Mit 25:20 und 25:21 drehte Stuttgart die Partie – plötzlich lag Suhl 1:2 zurück.
Die „Wolfsgrube“ aber verstummte nicht. Trommeln hallten durch die Arena, Sprechchöre rollten wie Wellen durch die Ränge. Die organisierten Fans nahmen die gesamte Halle mit, rissen auch die letzten Reihen von den Sitzen. Diese 1.800 Menschen waren kein Publikum – sie waren Motor. Sie trugen ihr Team.
Als Suhl im vierten Satz mit vier Punkten (16:12) zurücklag, schien das Momentum endgültig zu kippen. Doch genau in diesem Moment zeigte sich die außergewöhnliche mannschaftliche Geschlossenheit. Keine hängenden Köpfe. Keine Unsicherheit. Stattdessen Blicke voller Entschlossenheit. Punkt für Punkt kämpften sich die „Wölfinnen“ zurück, stabilisierten Annahme und Block, spielten mutig im Angriff – und glichen mit 25:20 zum 2:2-Satzgleichstand aus.
Nun musste der Tiebreak entscheiden.
Was folgte, war eine Demonstration von Wille, Mut und Überzeugung. Getragen von einer ohrenbetäubenden Kulisse startete Suhl furios, erspielte sich früh einen Vorsprung und ließ keinen Zweifel mehr aufkommen, dass dieser Sieg heute in der „Wolfsgrube“ bleiben sollte. Jeder Punkt wurde frenetisch gefeiert, jede Abwehraktion wie ein Matchball bejubelt.
Mit 15:7 entschied der VfB den fünften Satz überraschend deutlich für sich und fügte dem Tabellenführer die erste Saisonniederlage zu. Spielerinnen lagen sich in den Armen, Fans sangen, klatschten, schrien ihre Freude hinaus in einen unvergesslichen Volleyballnachmittag.
Dieser Sieg war mehr als zwei Punkte. Er war eine Botschaft vor dem Pokalfinale. Eine Botschaft an Stuttgart. Eine Botschaft an die Liga. Und vor allem eine Botschaft an sich selbst: Dieses Team ist bereit. Bereit, gemeinsam zu leiden. Bereit, gemeinsam zu kämpfen. Bereit, gemeinsam Geschichte zu schreiben.
Wenn Mannschaft und Fans in der „Wolfsgrube“ zu einer Einheit verschmelzen, entsteht etwas Besonderes. Und genau dieses Gefühl nehmen die Suhlerinnen nun mit nach Mannheim.
Neues Spiel. Neue Bühne.
Aber mit neuem Selbstvertrauen.